Tanja Schurkus I Interview

4. Juli 2017

Willkommen zu meinem ersten Autoreninterview.
Tanja Schurkus ist die Autorin, von u.a. „Der Dichter des Teufels“.
Ich bedanke mich bei dir Tanja, dass du dir die Zeit genommen hast, um die Fragen von mir zu beantworten.

Interview

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Vielleicht lag es daran, dass ich nicht aufhören wollte zu spielen. Als ich aus dem Alter herauskam, in dem man seine Spielsachen Abenteuer erleben lässt, musste ich mir ein anderes „Medium“ suchen. Mein Kopf quoll von Geschichten über, also habe ich sie aufgeschrieben. Mir war lange nicht bewusst, dass das ein Beruf ist, und es gab damals kaum Ausbildungswege für Schriftsteller (anders als für Maler, Musiker usw.) Ich habe also Literaturwissenschaften studiert und mich in die Freiberuflichkeit hinein getastet.

Hast du einen Lieblingsort zum Schreiben, wann und wo bist du am kreativsten?

Ich bin ein Schreibtisch-Autist, es muss der heimische Schreibtisch sein, wo nichts mich ablenkt. Ich kann weder in Cafés schreiben (da gibt es zu viel zu schauen) noch an fremden Schreibtischen. Ich bin absolut kein Morgenmensch, an meinen Schreibtagen fange ich nicht vor 11 Uhr an. Eher geht es spät in die Nacht (falls ich aus anderen Gründen nicht am nächsten Tag früh raus muss, was leider oft der Fall ist).

Was machst du noch, wenn du nicht gerade schreibst?

Geld verdienen … haha. Meine Freizeit ist dem Film gewidmet. Ich verbringe viel Zeit vor dem Fernseher, gehe ins Kino, surfe auf Filmseiten. Aus Filmen habe ich das meiste gelernt über das Erzählen von Geschichten. Ansonsten treibe ich mich gerne in der Natur herum – früher hatte ich Dackel als Begleiter.

Was macht dir mehr Spaß, lektorieren oder selber schreiben?

Das Schreiben ist mir eine Notwendigkeit, das Lektorieren nicht. Ich lerne allerdings sehr viel aus den Texten anderer, sowohl handwerklich, als auch im Vergleich der Herangehensweisen. Beispielweise war ich früher ein sehr ausgeprägter „vorher Planer“. Inzwischen lasse ich einer Idee einfach mal den Lauf.
Das Lektorieren öffnet den erzählerischen Horizont: Man befasst sich mit Inhalten und Textformen, die nicht zum eigenen „Inventar“ gehören.

Was fasziniert dich an vergangener Zeit, speziell dem 18./ 19. Jahrhundert so sehr?

Die Epoche um die Französische Revolution hat unsere gesellschaftliche Moderne geprägt: Die Idee des Menschen als Geschöpft Gottes trat in den Hintergrund, das Ich hatte seinen Auftritt, festgefügte Machtverhältnisse wurden in Frage gestellt. Die Freiheit des Individuums und seine Heimatlosigkeit wurden zur bestimmenden Dynamik. Die ersten Generationen, die das erlebt haben, ohne auf entsprechende Institutionen zurück greifen zu können (es gab z.B. keine allgemeine Schulpflicht), bieten viel Erzählenswertes.
Mir geht es dabei also wenig um die „Exotik“ vergangener Zeiten, als um den fernen Spiegel unserer heutigen Gesellschaft.

Könntest du dir ein Leben in dieser Zeit vorstellen?

Nein. Ich mag Zentralheizungen und Jeanshosen. Ich habe selbst eine Weile in lebendiger Geschichte dargestellt, aber die Kleidung war für Frauen und Männer gleichermaßen unbequem (auch wenn die Mode des frz. Empire durchaus erträglich ist). Man hatte kaum gesellschaftlichen Spielraum, auch wenn das begann sich zu ändern. Man konnte an einem entzündeten Fingernagel sterben. In den unteren Schichten hatte man nie Freizeit in den höchsten dafür zu viel.
Ich würde lieber in einer Star Trek Zukunft leben.

Wie bist du auf die Idee von „Der Dichter des Teufels“ gekommen?

Ich habe von der Burgruine und dem abschließenden Kampf geträumt. Dann habe ich mir überlegt, was zu dieser Situation geführt haben könnte. Wirklich gereizt hat mich die Geschichte aber erst, als mir der Gendarm Picaud einfiel. Ich glaube, er ist eine Mischung aus Louis des Funes, Prof. Boerne aus dem Tatort und „Holmes“, dargestellt von Robert Downey Jr. Und er hatte diese Lebendigkeit, die man als Autor an Figuren liebt.
Außerdem mochte ich Grusel- und Mysterygeschichten schon immer, vor allem die klassischen Geschichten von E.T.A. Hoffmann und Edgar Allen Poe.

Welche Bücher liest du selber, welches Genre magst du am liebsten?

Siehe oben … und: Moderne amerikanische Erzählliteratur. Amerikanische Autoren können mit großer Leichtigkeit (und mit Humor) große Panoramen im Kleinen entwerfen. Packende Geschichten mit Tiefgang und Weltklugheit sind das, was ich suche. Ich bin also immer auf Entdeckungsreise; es ist leichter zu sagen, welche Genre mich dabei eher nicht ansprechen: Alles, was von Verlagen als „Frauenliteratur“ vermarktet wird, insbesondere Liebesgeschichten mit Happy End, da schaue ich lieber die Simpsons.

Hast du einen Lieblingsautor?

Viele und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fallen mir ein: Jack Kerouac und Joseph Roth z.B. (unter den Toten). Unter den Lebenden: Adam Haslett, Michael Chabon, Christoph Ransmayr.

Was dürfen wir in Zukunft noch von dir erwarten?

Dass ich meinen Keller ausmiste und die Fenster putze 🙂 Schriftstellerisch: Unter meinem Vollpseudonym habe ich meinen ersten Gegenwartsroman beendet, mit dem ich Atelier Gast des LCB war. Mich reizt es, über die Lebenserfahrung queerer Figuren zu schreiben, auch in historischer Dimension. Da gibt es einiges aus den Fußnoten zu holen.
Davon abgesehen schreibe ich regelmäßig Buch- und Filmkritiken für das Histo-Journal, das werde ich auch weiterhin tun (wobei die Filme und die Essays zu cineastischen Themen auch weiter überwiegen werden). Außerdem möchte ich in Zukunft mehr mit meiner Stimme arbeiten.

Liebe Tanja, ich danke dir für dieses nette Interview. Ich wünsche dir auch weiterhin nur das Beste und hoffe das du alles erreichst, was du dir vorgenommen hast.

Wer „Der Dichter des Teufels“ noch nicht kennt, hier der Klappentext:


Ein einsames Dorf anno 1812: Im Hunsrück glaubt man noch immer an dunkle Gestalten, die der Teufel höchstselbst auf die Erde schickt, um die Menschen heimzusuchen. Der Gendarm Picaud gibt nichts auf dieses Geschwätz – bis der junge Handwerksbursche Ferdinand ihn um Hilfe bittet: Seine Braut Lucinde ist in der Hochzeitsnacht verschwunden. Aber wurde die junge Frau wirklich von Dämonen geraubt? Picauds Ermittlungen führen nach Heidelberg. Dort begegnet er dem Dichter Sylavon, dessen Werk von Schauergestalten und Teufelswerk erzählt – und der eine geheimnisumwitterte rote Tinte begehrt, für die ihm kein Preis zu hoch ist …

 

 

 

 

 

Bildquelle(n): Amazon, Tanja Schurkus

2 Comments

  • Julia 5. Juli 2017 at 8:40

    Interessante Fragen und Antworten und wirklich schön zu lesen.

    Grüße

    • Shanlira 5. Juli 2017 at 10:54

      Danke, habe mir auch lange überlegt, was ist interessant für die Leser und für mich. Und mit Tanja hatte ich eine sehr sympathische Gesprächspartnerin.

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